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Anders als du und ich (§175)


Länge Unterhaltung Spannung Action Musik Erotik Anspruch Eindruck Gesamt
**** * *** - *** * * ** 52%
 

 
Eine Mutter (Paula Wessely) rettet ihren Sohn vor einem homosexuellen Leben, indem sie mit schwerer Kuppelei eine Straftat begeht. Moralisch bedenklicher Film, der zur Veröffentlichung 1957 umgeschnitten wurde, um dem damaligen Sittenempfinden zu entsprechen. Von Nazipropagandafilmer Veit Harlan.

Anders als du und ich ($ 175)
Klaus (Christian Wolff, rechts) teilt mit Freund Manfred (Günther Theil) die Freude an der Kunst.


Bankdirektor Werner Teichmann (Paul Dahlke) und seine naive Frau Christa (Paula Wessely), die sich später wegen schwerer Kuppelei vor Gericht verantworten muss, machen sich Sorgen um ihren 17-jährigen Sohn Klaus (Christian Wolff), der sich in seiner Freizeit als Maler betätigt. Der klassenbeste Gymnasiast verspätet sich zur Geburtstagsfeier seiner Mutter, weil er nach der Schule seinen kranken Freund Manfred (Günther Theil) besucht.

Stolz spielt Manfred Klaus moderne elektronische Musik vor und zeigt ihm ein Gedicht, welches in einer Zeitung abgedruckt ist. Das hat Manfred dem Antiquitätenhändler Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), den Manfred zu seinen Freunden zählt, zu verdanken. Manfred möchte Klaus ebenfalls mit Winkler bekannt machen, weil er hofft, dass Winkler das künstlerische Talent von Klaus fördern wird.

Herr Teichmann verbietet Klaus den weiteren Umgang mit Manfred, weil Klaus sich nichts aus Mädchen macht. Werner hält die enge Jungenfreundschaft für ungesund und zeigt Dr. Winkler wegen homosexueller Verführung Minderjähriger an. Nach Konsultierung eines Arztes ergreift Christa Eigeninitiative und bringt die junge Haushälterin Gerda (Ingrid Stenn) dazu, während ihrer Abwesenheit Klaus zu verführen, damit er für die normale Welt nicht verloren geht.

Anders als du und ich ($ 175)
Klaus' Vater Werner (Paul Dahlke, rechts) sorgt sich
und besucht mit Schwager Max (Hans Nielsen) eine Schwulenbar.


Was kam dabei heraus, als Goebbels Schützling Veit Harlan, Autor und Regisseur des antisemitischen Propagandafilms "Jud Süß", zusammen mit der Schauspielikone Paula Wessely, die auf Hitlers Gottbegnadetenliste stand, und dem schwulen Sexualforscher Hans Giese ein Plädoyer zur Abschaffung des Paragraphen 175 StGB drehte? Der angeblich wohlwollende Film "Das dritte Geschlecht".

Und was kam dabei heraus, als dieser Film im spröden Jahre 1957 der FSK vorgelegt wurde? Eine Nicht-Freigabe, weil der Film für Verständnis gegenüber Homosexuellen werbe. Um sich den moralisch-sittlichen Vorstellungen im Nachkriegsdeutschland anzupassen, ließ der Verleih einige Szenen nachsynchronisieren oder neu drehen, um durch eine neue Schnittfassung den Ansatz von Schwulenfreundlichkeit aus dem Film zu eliminieren.

Am Ende kam er als "Anders als du und ich" in die deutschen Kinos, während in Österreich die Originalfassung "Das dritte Geschlecht" lief. Der BRD-Titel spielt an den 1919er Film "Anders als die Andern" von Regisseur Richard Oswald und Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld an. Dieser frühe Aufklärungsfilm wandte sich ebenfalls gegen den § 175 StGB, welcher von 1872 Handlungen männlicher Homosexualität unter Strafe stellte und erst 1994 gänzlich abgeschafft wurde.

Anders als du und ich ($ 175)
Mutter Christa (Paula Wessely, rechts) verkuppelt
die junge Haushälterin Gerda (Ingrid Stenn), um Klaus zu heilen.

Nun ergibt sich die Frage, ob "Anders als du und ich" wirklich so viel homophober und ob der homofreundlichere "Das dritte Geschlecht" überhaupt ein guter Film ist. Selbst wenn man eingedenkt, dass sich heutzutage das Verständnis und die Akzeptanz von Homosexualität stark verändert haben, so war Harlans Film auch für die 1950er kein guter Film. Heutzutage darf höchstens der damalige Mut, sich zu der Nachkriegszeit mit diesem Thema auseinanderzusetzen, beachtenswert sein.

Die Charaktere sind grässliche Stereotype. Christa Teichmann ist ein naiv-gutmütiges Hausfrauchen, weit schlimmer als eine Stepford-Frau. In der veränderten Fassung bekommt sie auf ihre Gefängnisstrafe für Kuppelei eine Bewährungsfrist. Dahingegen kann sich Boris Winkler in einer neu gedrehten Szene nicht nach Italien absetzen, sondern wird von der Polizei gestellt. In "Anders als du und ich" wird dem ach so bösen Schwulen eine vermeintlich gerechte Strafe angedroht, obwohl ihm kaum etwas nachgewiesen werden kann, während die überführte Straftäterin Christa quasi straffrei ausgeht. Grotesk!

Aber auch ohne diese Änderungen wäre Boris Winkler ein äußerst zwielichtiger und unsympathischer schwuler Charakter, dessen dunkle Geheimnisse immer wieder angedeutet werden. Winklers verderblicher Einfluss wird durch einen Kamerakipp angedeutet. Andererseits ist Christas Bruder Max (gespielt von Hans Nielsen) über jeden Verdacht der Homosexualität erhaben, obwohl er sich im schwulen Etablissement sehr gut auskennt und alleinstehend ist.

Anders als du und ich ($ 175)
So sympathisch wie hier wird der Kunsthändler Winkler (Friedrich Joloff, rechts) im Film nicht dargestellt.

Dem Film gelingt es schließlich sogar, einen Ringkampf, abstrakte Malerei und avantgardistische Musik zu pervertierten Ausgeburten der Homosexualität zu verdrehen. Das Infame an dem melodramatischen Film ist jedoch – besonders aus heutiger Sicht –, wie Homosexualität erklärt wird. Homosexualität ist "eine in der Jugendzeit erfolgende Umwandlung der Richtung des Geschlechtstriebes". Wie der Film durch Klaus' Rückkehr zu einem heterosexuellen Lebensstil verdeutlicht, ist diese als widernatürlich wahrgenommene Umwandlung im frühen Stadium heilbar. Gott sei Dank, mögen einige denken, aber ist diese Aussage selbst für die 1950er haltbar?

Ob eine Abschaffung des $ 175 aufgrund dieses Argumentes hilfreich gewesen wäre, muss bezweifelt werden. Hätte sich diese Ansicht tiefgreifend etabliert, gäbe es heutzutage auch in Deutschland die Umerziehungslager wie in den USA (siehe Filme wie "Weil ich ein Mädchen bin – But I'm a Cheerleader" oder dem 2007er Film "Save Me"). Glücklicherweise ist "Anders als du und ich"/"Das dritte Geschlecht" kein guter Film und fand keine allzu große Beachtung. Noch mal Glück im Unglück gehabt, würde ich sagen!

Winklers Hand auf Klaus' Schulter ist schon eine homosexuelle Gefährdung. Um Klaus' und Manfreds homosexuelle Freundschaft zu zeigen, reicht ein Händedruck. Die Unterstellungen durch den Vater ersetzen den Beweis. Handwerklich mag nichts gegen "Anders als du und ich" sprechen, doch künstlerisch, idealistisch und menschlich sehr vieles. Somit dient der Film höchstens als gelungenes Gegenbeispiel.

Anders als du und ich ($ 175)
Jener Schultergriff mit Kamerakipp ist die lachhafte homosexuelle Verführung.


  • Die DVD der Edition Filmmuseum bietet neben dem Film "Anders als du und ich" einen 38-minütigen Szenenvergleich der Änderungen gegenüber der Originalfassung "Das dritte Geschlecht". Eine Gesamtfassung von "Das dritte Geschlecht" gibt es nicht.
  • Über den umstrittenen Regisseur Veit Harlan wurde 2008 eine Dokumentation "Harlan - Im Schatten von Jud Süß" gedreht.
  • Paul Dahlke ("Das fliegende Klassenzimmer") war 50 Jahre als Schauspieler vor der Kamera.
  • Auch die Österreicherin Paula Wessely, die in Nazipropagandafilmen mitgespielt und Disneys Schneewittchen in der ersten Synchronfassung die Sprechstimme verliehen hatte, arbeitete 52 Jahre beim Kino- und Fernsehfilm. Sie wurde von den Legenden Laurence Olivier und Bette Davis verehrt.

Anders als du und ich ($ 175)

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Fakten
Originaltitel:
Das dritte Geschlecht
 
deutscher Kinostart am:
31.10.1957
 
Genre:
Drama
 
Regie:
Veit Harlan
 
Dieser Film wurde bewertet von:
Martin(52%)
 
Texte:
Martin
 
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