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Ich fühle mich Disco


Länge Unterhaltung Spannung Action Musik Erotik Anspruch Eindruck Gesamt
*** **** *** - * *** *** *** 65%
 

 
Hier bietet eine klischeehafte Versuchsanordnung einen perfekter Nährboden für das beliebteste Experiment des Schicksals: Krankheit und Tod. Plötzlich müssen der Ex-Turmspringer Hanno (Heiko Pinkowski) und sein stark übergewichtiger Sohn Florian (Frithjof Gawenda) ohne die Mutter auskommen. Eine Low-Budget-Tragikomödie mit viel Herzblut aber leider zu wenig Vertrauen in die Fantasie des Zuschauers.

Ich fühl mich Disco


Wenn ein Schlagersänger, der sogar bei der Mallorca-Party im Sportlerheim Oer-Erkenschwick ausgebuht würde, der einzige Held ist. Wenn ein dicker Junge seine Mannwerdung mit einem angemalten Bart aufs Unbeholfenste zelebriert. Und wenn ein Vater seinem pubertierenden Sohn zum Geburtstag anstelle einer Umarmung einen Wodka spendiert - dann ist das eine genauso überkandidelte wie berührende Momentaufnahme der sich auflösenden sozialen Gewissheiten einer deutschen Großstadt im 21. Jahrhundert. Und weil diese Großstadt Berlin ist, leuchtet in ihr eine schon oft gesehene Coming-of-Age-Geschichte besonders grell.

Hier trotzt der unsanierte Plattenbau neumodischem Fortschritt noch genauso wie die familiäre Rollenverteilung: Monika (Christina Große) ist eine (Über-)Mutter, wie sie im Buche steht. Sie überschüttet ihren stark übergewichtigen Sohn, Einzelkind Florian (Frithjof Gawenda), mit bedrohlichen Mengen an Zärtlichkeit. Vater Hanno, ein aus dem Leim gegangener Ex-Turmspringer, ist schon zufrieden, wenn es zwischen Fußballgucken, Bier und Anti-Kater-Rollmöpsen noch ein bisschen Sex gibt. Eine klischeehafte Versuchsanordnung als perfekter Nährboden für das beliebteste Experiment des Schicksals: Krankheit und Tod.

Ich fühl mich Disco

Das Ergebnisprotokoll, die Low-Budget-Tragikomödie „Ich fühl mich Disco“, ist ein unterhaltsames Dokument der ständigen Überforderung. Die Mutter scheitert daran, Sohn und Ehemann auf auch nur annähernd gleiche Umlaufbahnen zu bringen. Der Vater leidet unter dem Widerspruch, Gefühle zeigen zu sollen, und seinem Selbstbild als tougher Trainer. Und die Liebe und die Unmöglichkeit, zu ihr zu stehen, quält alle gleichermaßen - besonders aber Florian. Als Spielball der unverständlichen Wendungen des (Un-)Glücks behält er dennoch seine Würde und schwimmt sich aus dem heimischen Käfig frei. Denn da draußen ist ein ganzer, noch unbekannter Ozean. Bedauerlicherweise eher gespickt mit Feuerquallen und gefährlichen Strömungen, denn mit friedfertigen Clownsfischen.

Licht in die unerfreuliche Gesamtsituation bringen die sehr nahbar gezeichneten Figuren (mit Ausnahme der permanent gütig grinsenden Mutter). So dauert es zwar, bis sich Emotionen ihren Weg durch Hannos massigen Körper bis in sein Gesicht gebahnt haben. Was dann aber passiert, ist so, als würde man Erdplatten zuschauen: sehr langsam, nicht aufzuhalten. Da zuckt der Heiner-Brand-Gedächtnis-Schnurrbart in Zeitlupe. Da ringen sich Augen undefinierbarer Farbe hinter flaschenbodendicken Brillengläsern mühsam eine Träne ab. Doch wo sich Plattenverschiebungen in Erdbeben entladen, bleibt Hanno als Ausbruch nur der Alkohol (seit langem wurde in einem deutschen Film nicht mehr so hemmungslos gesoffen). Auch Florian gibt sein Innenleben erst nach und nach preis - in extremen Nahaufnahmen einer sehr persönlichen Kamera.

Ich fühl mich Disco

Es wird aber nicht nur inne gehalten, sondern ab und zu auch ordentlich Tempo vorgelegt. So entwickelt sich ein eigentlich harmloses Abendessen in gnadenloser Vorhersehbarkeit zu einem Exzess an Peinlichkeit. Das ist lustig und beschämend und der Augenblick, in dem die Darsteller ihre Rolle nicht mehr nur spielen, sondern leben.

„Ich fühl mich Disco“ ist ein ungewöhnlicher deutscher Film mit Herzblut, dem man gerade deshalb einen noch konsequenteren Schnitt gewünscht hätte. Denn wo Florians Fantasie in langen, von Musik unnötig zugekleisterten Einstellungen (über-)zelebriert wird, scheint das Vertrauen in die Fantasie des Zuschauers zu fehlen. Ja, die Figuren entwickeln sich - aber das wirkt oft nur behauptet. Nicht zuletzt dank eines Kurzauftritts von Rosa von Praunheim ist Axel Ranischs Kino-Zweitling aber eindeutig mehr Disco als Trauerfeier.

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Fakten
Originaltitel:
Ich fühle mich Disco
 
deutscher Kinostart am:
31.10.2013
 
Genre:
Dramödie
 
Regie:
Axel Ranisch
 
Dieser Film wurde bewertet von:
abu(65%)
 
Texte:
abu
 
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TV-Termine

DatumUhrzeitSender
29.04.2016 21:50 ZDF Kultur
17.01.2016 20:15 ZDF Kultur
²) Sendezeiten bis 05:00 Uhr sind in der Nacht zum Folgetag.


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