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Transcendence


Länge Unterhaltung Spannung Action Musik Erotik Anspruch Eindruck Gesamt
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Der von Gegnern künstlicher Intelligenz tödlich verwundete Forscher Will Caster (Johnny Depp) lässt sich von seiner Frau Evelyn (Rebecca Hall) in einen Superrechner hochladen. Das prominent besetzte Sci-Fi-Drama scheint vielversprechend, bleibt aber zu technisch, mikrokosmisch und unterentwickelt.

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Der Forscher Dr. Will Caster (Johnny Depp) arbeitet mit seinem Team an künstlicher Intelligenz (AI). Sein Projekt, an dem er mit bewusster Vorsicht in einem großen Quantenrechenzentrum arbeitet, heißt PINN (Physically Independent Neural Network) und funktioniert in Isolation schon sehr gut. Um Projektgelder zu akquirieren, spricht Will mit seiner Frau und Arbeitskollegin Evelyn (Rebecca Hall) öffentlich bei einem Vortrag. Dort wird er von einem Extremisten angeschossen, denn es gibt eine radikale Gruppe, RIFT (Revolutionary Independence From Technology), die vor den Gefahren künstlicher Intelligenz warnt. Bei einem gleichzeitigen Anschlag auf Casters Forschungszentrum kommen fast alle seine Kollegen ums Leben, nur Joseph (Morgan Freeman) nicht.

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Zusammen mit FBI-Agent Anderson Buchanan (Cillian Murphy) versuchen sie, die Terroristen ausfindig zu machen. Zudem schalten Will und Evelyn PINN komplett ab. Als Will an der Schussverletzung zu sterben droht, wagt sich Evelyn mit Wills Freund und Kollegen Max Waters (Paul Bettany) an etwas, das vorher nur mit Affen getestet wurde: Sie schließt Will an PINN an und überträgt sein Bewusstsein in den Computer. Mit Anschluss zum Internet wird Will schnell zu einer globalen, virtuellen Superintelligenz, die dem FBI bei der Verbrechensbekämpfung hilft und allerlei Lösungen für menschliche Probleme findet. Doch dann wird Max von RIFT gefangen genommen, denn Anführerin Bree (Kate Mara) will seine Skepsis und sein Wissen für ihre Ziele einsetzen.

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Das Thema künstliche Intelligenz ist, wie in "Transcendence" ebenfalls dargestellt, nicht nur gefeiert, sondern auch umstritten. Was in "Star Trek" oder "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) noch als Zukunftsfantasie galt, ist heute in greifbarer Nähe: bei CIA, NASA, Rüstungsunternehmen und Google (die auch einen Roboterhersteller aufkauften) stehen bereits Quantenrechner, die Vernetzung ist weltumspannend und sprachgesteuerte Systeme dringen immer mehr in unser Privatleben (siehe auch dem Film "Her"). Ob aber Regierungen und Unternehmen diese Technik und weitere Entwicklungen in künstlicher Intelligenz und Transhumanismus wirklich nur zum Wohle der Menschheit einsetzen, darf bezweifelt werden. So erklären Wissenschaftler wie Steve Omohundro oder James Barrat (siehe Links unten), dass Regierungen unter "Rüstungszwang" stehen, und sie argumentieren, dass autonome Systeme (AI) unabdingbar ein Bewusstsein für Selbsterhaltung entwickeln werden und sich deswegen gegen den Menschen richten müssen, der versuchen könnte, sie auszuschalten.

Das klingt bekannt? Im Grunde ist das frankensteinische Thema überhaupt nichts Neues. Autonome Roboter wurden schon in der griechischen Mythologie erwähnt und in voller filmischer Apokalypse wurde dieses Szenario nicht erst in der "Terminator"-Reihe ausgeführt. In "Matrix" haben intelligente Maschinen ihre Schöpfer, den Menschen, längst unterjocht. Virtuelle Bösewichte hat man z.B. in "Virtuosity" (1995) und digitale Einspeisungen von Menschen schon vor "Tron" (1982) in Fassbinders "Welt am Draht" (1973) gesehen. Bereits 1970 erschien "Colossus", in dem ein vernetzter Supercomputer die Menschheit unter seine Kontrolle bringen will, während eine technische Widerstandsgruppe im Untergrund dagegen vorgeht.

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Mit einer sehr ähnlichen Geschichte kommt jetzt "Transcendence", das Regiedebüt von Kameramann Wally Pfister ("Moneyball", Oscar für "Inception"), ins Kino. Natürlich sind erzählerische Neuheiten für gute Filme nicht notwendig und so stand Jack Paglens Debütdrehbuch 2012 auf Hollywoods berüchtigter schwarzen Liste von beliebten, aber noch unverfilmten Projekten. Weil zudem Christopher Nolan, für den Pfister fast alle Filme filmte, als Produzent dahinter stand, konnte Pfister ca. 135 Mio. Dollar für Hollywoodgrößen, Ausstattung und Computereffekte etc. ausgeben. Die Erwartungen an solch ein Projekt sind verständlicherweise auf allen Seiten hoch, doch nach durchwachsenen Kritiken in den USA startete der Film dort über Ostern schwach.

Mit weltbekannten Hollywoodgrößen (Depp, Freeman, Nolan, Pfister etc.) und einer spannend klingenden, aktuellen Thematik kann "Transcendence" auf dem Papier punkten, doch das filmische Ergebnis erfüllt die Erwartungen kaum. Weil vieles vorhersehbar ist und in langen, lahmen Strecken ohne Interpretationsspielraum für den Zuschauer ausbuchstabiert wird, kommt wenig Spannung auf. Durch andere Entwicklungen hetzt der Film viel zu schnell. Die Bilder sehen zwar übereifrig gut aus und die Schauspieler geben ihr Bestes mit den extrem flachen Charakteren, aber der Film ist kalt, unausgewogen, voller Lücken und noch nicht einmal unterhaltsam.

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Die Handlung wird der anspruchsvoll-komplexen Thematik einfach nicht gerecht. Die Diskussion über Bewusstsein und Bedenken an künstlicher Intelligenz bleibt beschränkt. Zudem sind die Motivationen der Charakter zu fragwürdig, um das Publikum herauszufordern. Warum lässt Max Evelyn allein, wenn er doch befürchten muss, dass Evelyn PINN in ihrer liebesblinden Dummheit vernetzt? Ach, Evelyn! Dieser geschundene Hauptcharakter des Films wird in sexistischer Blockbuster-Hollywood-Manier von der anfangs hoch gepriesenen Intellektuellen zu einem dummen Weibchen reduziert, das nicht einsehen will, dass ihr Geliebter nicht mehr ist, wer er mal war – obwohl Computer-Will unverzüglich Zugriff zu Wall-Street-Daten verlangt. Das ist für Paglen notwendig, um die bekannten Versatzstücke der Handlung auf die Spitze zu treiben. Doch hält der Autor offenbar die Zuschauer für dumm genug, seine Einschränkungen nicht zu bemerken:

Da spielen Paglen und Pfister mit globalen Möglichkeiten und alles, womit sie daherkommen, ist mikrokosmisch. Obwohl dies für eine weltweit vernetzte Intelligenz nicht notwendig – und nicht vernünftig – ist, beschränkt sich Will über Jahre auf das amerikanische Kaff Brightwood? Obwohl er mit Vernichtungsversuchen rechnet, entwickelt Will keine Überlebensstrategien wie sporenähnliche Abkapselung vom Netz? Auch wenn die Regierung die Bedrohung geheim halten will, hat der Präsident nichts dazu zu sagen und lässt allein ein winziges FBI-Team mit einer Terrorgruppe an einer Lösung arbeiten? Es sieht zwar schick aus, aber wie heben Wills Mikropartikel die Schwerkraft auf? Wie setzen sie sich trotz Verletzung/Zerstörung wieder zu Organismen und gar Gegenständen zusammen?

Selbstverständlich muss nicht alles der realweltlichen Logik folgen, sofern die filminterne Logik stimmig ist. Aber in "Transcendence" stimmt sie definitiv nicht. Als wäre das nicht frustrierend genug, will der Film am Ende noch eine Wendung zu viel. Schade, dass so viel Potential vergeudet wurde; umso verwunderlicher, dass sich hier so viel Talent verschleudern lässt. Hatten weder Regisseur, Produzenten noch Darsteller jemals Zweifel am Drehbuch? Leider kann "Transcendence" keine seiner hehren Ideen oder Visionen transzendieren und befriedigt weder unterhaltende noch intellektuelle Erwartungen.

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  • Der Aufsatz "Autonomous technology and the greater human good" von Steve Omohundro erschien im April 2014 im Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence und kann hier online abgerufen werden: http://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/0952813X.2014.895111.
  • James Barrat schrieb das im Oktober 2013 erschienene Buch "Our Final Invention: Artificial Intelligence and the End of the Human Era", welches käuflich zu erwerben ist.

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Fakten
Originaltitel:
Transcendence
 
deutscher Kinostart am:
24.04.2014
 
Genre:
Science-Fiction / Thriller, romantisches Drama
 
Regie:
Wally Pfister
 
Dieser Film wurde bewertet von:
Martin(59%)
 
Texte:
Martin
 
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Synchronsprecher

SchauspielerSynchronsprecher
Johnny DeppDavid Nathan
Rebecca HallMarie Bierstedt
Paul BettanyNicolas Böll



TV-Termine

DatumUhrzeitSender
07.03.2017 20:15 Pro 7 Maxx
16.01.2017 08:00 Pro 7
²) Sendezeiten bis 05:00 Uhr sind in der Nacht zum Folgetag.


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